JENSEITS DER MAUERN
MÄNNER präsentiert die GAY-Filmnacht: Die aufregend authentische Liebesgeschichte „Jenseits der Mauern“, das Debütwerk des belgischen Filmemachers David Lambert, ist der wichtigste Homofilm des Frühjahrs. Schon gleich nach seiner Weltpremiere in Cannes im vergangenen Mai wurde er mit „Weekend“ und „Keep the Lights On“ verglichen und die drei herausragenden Filme über schwule Beziehungen zur New Queer Wave ausgerufen. Ein Exklusivinterview über Liebe, Sex und Zeitdruck
Interview: Thomas Abeltshauser
David Lambert, die meisten Erstlingsfilme handeln von Selbsterlebtem der Regisseure, sind stark autobiografisch…
Meiner auch! (lacht) Er ist wirklich persönlich, aber er ist nicht im strengen Sinne autobiografisch. Ich vermische drei Liebesbeziehungen, die ich im Alter zwischen 20 und 30 hatte. Natürlich ist es meine eigene Sichtweise auf die Liebe und was es bedeutet, sie zu verlieren. Es beschreibt im Grunde zwei Seiten einer Medaille. Die erste Hälfte des Films beschreibt, wie sich zwei Menschen begegnen, sie sich verlieben und diese Liebe wächst. Was sie verbindet, wie sie sich immer näher kommen und es schließlich zu einer Vereinigung kommt, einer Art, sagen wir: Alternativhochzeit. Und dann fällt alles auseinander. Die Welt verändert sich und die zwei Männer, die im Stadtzentrum sehr frei ihre Liebe leben konnten, sind plötzlich gar nicht mehr frei. Und Liebe ist nicht mehr möglich, so sehr sie es auch immer wieder versuchen.
Wenn es so sehr auf eigenen Erfahrungen beruht: Wer von den beiden ist dir näher?
Ganz ehrlich: ein bisschen beide. Den ersten Entwurf des Drehbuchs habe ich mit 22 geschrieben, es war wirklich schlecht, ein Desaster. Aber ich hatte 100 Seiten, die man als Drehbuch erkennen konnte. Damals interessierte mich Paulos Perspektive mehr, es war eher ein psychologisches Drama über Gefängnis und Inhaftierung. Es war sehr düster und traurig, ohne jeden Humor. Anfangs identifizierte ich mich nur mit ihm, aber je mehr Gedanken ich mir über Illir machte, ließ ich viel von meiner zweiten längeren Beziehung einfließen. Es war ein langer Prozess. Ich wollte auch lange einen Regisseur dafür suchen, weil ich mich nur als Autor gesehen habe. Schreiben hat mich immer am meisten interessiert. Ich habe mich dann im Laufe der Jahre immer wieder mit Regisseuren getroffen und sie haben mir alle dasselbe gesagt: „Du musst das selbst machen!“ Es war einfach zu intim und persönlich, sie fanden keinen Platz für sich. Aber der Prozess des Schreibens hat sich über so viele Jahre gezogen, dass ich gar nicht genau benennen kann, was davon wirklich ich bin. Ich schreibe wirklich sehr viel, sogar noch während des Drehs.
Was sehr ungewöhnlich ist. Eigentlich verlangt der Zeitdruck, dass da längst alles klar ist, oder?
Ich hatte zum Glück die Freiheit auf das zu reagieren, was an einem Tag zwischen den Darstellern passierte und bis zum nächsten Morgen Szenen entsprechend umzuschreiben. Wir drehten in chronologischer Reihenfolge, nur so war das überhaupt möglich. Das ist purer Luxus, aber das war von Anfang an meine Bedingung. Und wir haben viel improvisiert, weil ich mich auf meine Schauspieler verlassen konnte. Die Szene mit dem Armdrücken, zum Beispiel. Ich wollte diesen Einfluss der Darsteller. Aber noch mal zum Drehbuch: Ich habe die erste Version damals in Berlin geschrieben. Ich wohnte im Prenzlauer Berg, Lychener Straße 50. Ich lebte zehn Monate in Berlin, mein damaliger Freund saß in Paris im Gefängnis und ich wartete auf ihn, wie im Film. Als er entlassen wurde, trafen wir uns und es war eine Katastrophe.
Sprichst du deutsch?
Ich konnte kein Wort, als ich ankam. Ich lernte dann, was man so braucht. Aber als ich die Stadt nach zehn Monaten wieder verließ, brauchte ich es nie wieder. Und so habe ich das meiste vergessen, leider. Wenn ich mal wieder länger da wäre, würde es sicher zurückkommen.
Als ich den Film in Cannes gesehen habe, hat mich die Art, wie du schwules Leben zeigst, abseits der üblichen Klischees, sehr an „Weekend“ und „Keep the Lights On“ erinnert. Ist das Zufall? Oder ändert sich da gerade etwas?‘
Ich kann nicht für die anderen sprechen, aber mir war zumindest von Anfang an klar, dass ich nichts über Comingout machen wollte oder wie schwer man es als Schwuler hat. Ich wollte meine Charaktere wie Romeo und Julia, ohne das ganze gay Blabla. Ich wollte etwas Universelles erzählen und zugleich etwas sehr Spezifisches. Es sind nun mal zwei Typen und die haben einen ganz bestimmten Sexdrive und eine ganz bestimmte Art ihre Beziehung zu führen. Auch die Zärtlichkeit zwischen ihnen. Mich hat bei Filmen immer frustriert, dass das Schwulsein immer nur auf zwei Dinge reduziert wurde: eine düstere Sexualität, bei der es auch wirklich nur um Sex ging, ohne Liebe und oder Zuneigung. Oder man sieht den Schwulen als tuntigen, tratschenden und völlig asexuellen Mitbewohner und beste Freund, dessen Hauptcharakterzug und Aufgabe im Film eben das ist: er ist „der Schwule“. Was soll das? Wenn ich beschließe, eine Figur ist hetero, ist das noch lange keine Geschichte. Ich wollte dreidimensionale, glaubwürdige Figuren in einer Liebesgeschichte, weg von all den Klischees.
Warum hat das vorher kaum jemand gemacht?
Ich hatte ein großes Problem bei der Finanzierung des Films. Mir wurde immer wieder gesagt: „Wir sehen doch jede Woche schwule Figuren irgendwo im Fernsehen, das ist nicht interessant.“ Und ich fragte zurück, wann sie das letzte Mal einen Spielfilm mit zwei Männern gesehen haben, die sich lieben und leiden und eine ernstzunehmende Beziehung haben. Und dann wurde immer „Brokeback Mountain“ genannt. Der ist acht Jahre her! Und es war ein amerikanischer Film und er spielte in der Vergangenheit. Man sieht einfach keine Geschichten über gleichgeschlechtliche Beziehungen im europäischen Kino! Und jetzt kommt von manchen Journalisten die Frage, ob ich als Debütfilmer keine Angst habe, mit diesem Film in ein Ghetto gesteckt zu werden. Was für eine bescheuerte Frage!
Wie sind die Reaktionen jetzt, nachdem der Film fertig ist?
Viele Leute lieben den Film, weil es eine Liebesgeschichte ist, die Gendergrenzen überschreitet. Irgendwann vergessen die Zuschauer, dass es zwei Typen sind. Mir sagten etliche Heteromänner, dass sie nicht dachten, dass zwei Männer so eine intensive, komplexe Beziehung haben könnten. Sie dachten, da ginge es nur um Sex. Schön, wenn ich da zur Aufklärung beitragen kann.
Alle Orte und Termine für die Gay-Filmnacht: http://www.gay-filmnacht.de/
SPORTLICH: MÄNNER IM MÄRZ
Liebe Leser,
Wenn im Büro um 19.00 Uhr so langsam die Lichter ausgehen, ist es oft so: Die Chefredaktion sagt „Ich geh noch was trinken/essen/angucken. Will jemand mit?“ Dann gibt es immer mindestens einen Kollegen, der antwortet: „Ich kann nicht, ich muss noch ins Fitnessstudio.“ Die obligatorischen Gegenfragen: „Musst du oder willst du? Und warum eigentlich?“ Lustigerweise fallen Vielen darauf spontan keine Antworten ein.
Für die Redaktion Grund genug, nach welchen zu suchen. Schließlich stellen sich die meisten schwulen Männer in Bezug auf ihre Körper dieselben Fragen: Bin ich zu dick? Zu dünn? Nicht muskulös genug? Zu muskulös? Zu alt? Zu jung? Oder vielleicht doch genau richtig? Jeder von uns hat sich solche Fragen schon mal gestellt. Weil wir als schwule Männer über nichts so sehr definiert werden wie über unseren Körper und das, was wir damit anstellen.
Deswegen dachten wir MÄNNER: Es ist Zeit für ein Sport-Special. Einzige Bedingung war, dass es unverkrampft sein sollte. Wir wollten keine Druckszenarien aufbauen, Normen abfeiern oder Fitnessdiktate verordnen, sondern einfach nur Lust auf ein gutes Körpergefühl machen. Für diesen Ansatz ist unser Titelheld Davey Wavey genau der richtige Repräsentant. In den letzten Jahren hat der Amerikaner eine kometenhaften Karriere als Fitness- und Lebensberater gemacht. Weil er Tausenden Menschen jeden Tag im Internet zeigt, dass ein schöner Körper glücklich macht, ohne dabei vorzugeben, dass seine eigene imposante Statur die „richtige“ ist. Ähnlich entspannt ist auch unser neuer Fitnesstrainer Patrick Thomalla. Patrick weiß, dass bei Jedem irgendwas geht. Und er will anderen dabei helfen, ihre persönlichen Ziele zu verwirklichen. Mit einem Trainingsplan für Zuhause und einer einfachen aber wirksamen Diät gibt er erste Anregungen. Unser Autor Timo Gerling macht sich auf vier Seiten Gedanken darüber, ob der männliche Körper eine Waffe ist und wenn ja, gegen wen sie sich richtet.
Nirgends spielt unser Körper eine so entscheidende Rolle wie beim Sex. An ihm leitet sich ab, was wir gern haben und mit wem das geht. Die vier Paare, die wir direkt nach dem Sex befragt haben, stellen ganz unterschiedliche Dinge an ganz unterschiedlichen Orten an, haben aber alle eine gemeinsame Vorliebe: Nippelplay.
Natürlich sind unsere Körper auch politisch: Krsto Lazarevic beschäftigt sich in einer großen Reportage zum Thema Asyl damit, wie schwer es schwulen Flüchtlingen gemacht wird, ihre Homosexualität auf den Ämtern zu beweisen. Gregor Gysi hingegen berichtet im MÄNNER-Interview darüber, wie er schon im Elternhaus gelernt hat, Homos zu akzeptieren. Filmemacher Gregor Schmidlinger und Musiker John Grant wollen derweil beide ein neues Verhältnis zu ihrer Sexualität aufbauen. Schmidlinger macht ein Jahr Pornopause und Grant versucht, seine HIV-Infektion in ein neues Körpergefühl einzubeziehen. Ein Thema, zahllose Facetten. Dieses Heft beweist, dass unser Körper weit mehr ist als eine leibliche Hülle – auch wenn Papst Benedikt gerade versucht, uns das Gegenteil zu beweisen. Aber die Schwulen waren mit Benedetto ja sowieso selten einer Meinung. Auch darum geht‘s in diesem Heft. Es ist also ein guter Grund, mal einen Abend Fitnessstudio zu schwänzen.
Viel Spaß beim Lesen wünscht:
Die MÄNNER-Redaktion






