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Ich liebe mich genau so, wie ich bin

Beth Ditto ist mehr oder weniger aus Versehen zum Weltstar geworden. Im MÄNNER-Interview in London wurde die Frontfrau von Gossip für ein paar Sekunden heterosexuell. Der Rest war, wie das aktuelle Album der Band heißt: A Joyful Noise Interview: Steffen Rüth

Beth (Mitte) und ihre Bandkollegen Hannah (links) und Nathan

Beth (Mitte) und ihre Bandkollegen Hannah (links) und Nathan

Träumst Du manchmal davon, dünn zu sein?
Noch nie. Ich liebe mich genau so, wie ich bin. I don’t give a fuck about the whole shit. (lacht) Ich war als Jugendliche mal krank und hatte stark abgenommen. Damals war ich sehr unglücklich; ich denke, diese Kombination hat sich in meinem Gehirn verankert.

Du hast vor einigen Jahren erzählt, dass deine Mutter bei McDonald’s arbeitet. Ist sie noch dort?
Nein, Mum arbeitet seit zwei Jahren in einer Fabrik. Sie würde unter keinen Umständen aufhören, zu arbeiten. Wir sind uns auf geradezu unheimliche Weise ähnlich. Wir sprechen wildfremde Leute auf der Straße an und sagen: „Das ist ein hübscher Mantel.“ In ihrer Fabrik ist Mum eng mit zwei Schwulen befreundet, sie ist eine großartige Schwulenmutti.

Du warst neulich mit ihr zusammen bei der Fashion Week in Paris. Wie ist deine Mutter denn mit Karl Lagerfeld zurechtgekommen?
Ich sagte zu ihr: „Karl Lagerfeld hat uns eingeladen.“ Sie meinte bloß: „Liebes, wer ist das bitte?“ Der Moment, in dem meine Mutter wirklich beeindruckt war im Zusammenhang mit meiner Karriere, das war, als ich ihr ein Foto geschickt habe, auf dem ich zusammen mit Paul McCartney drauf bin. Paul ist der Größte für sie. Danach konnte ich machen, was ich wollte. Mum wusste: „Beth hat es geschafft“.

Was ist das für ein Verhältnis zwischen dir und Lagerfeld?
Wir haben uns einige Male getroffen und vielleicht zwei Mal wirklich lange unterhalten. Ich würde ihn jetzt nicht als einen meiner engsten Freunde bezeichnen. Karl ist ein wunderbarer Mann, ein echter Exzentriker. Und das mag er wohl auch an mir. Dazu kommt noch, dass ich mich generell sehr gut mit älteren schwulen Männern verstehe. Diese Jungs haben etwas zutiefst Rührendes und Herzliches an sich.

Lagerfeld hat zuletzt über Adele gelästert, auch in der Vergangenheit gab es umstrittene Äußerungen über Magermodels.
Seine Aussagen zu fetten Mädchen fand ich nicht in Ordnung. Er ist nicht immer nett, er ist politisch nicht korrekt. Das gefällt mir wiederum sehr gut. Und er war ja selbst mal fett. Das war so cool.

Findest du es schade, dass er nicht mehr moppelig ist?
Es enttäuscht mich nicht generell, wenn Leute Diät machen oder abnehmen. Jeder trifft seine eigenen Entscheidungen. Es ist bloß schade, dass so viel Druck herrscht, dass viele denken, sie hätten keine andere Wahl.

Warum hat sich die magersüchtige Modewelt trotzdem in dich verliebt?
Das hat sicher damit zu tun, dass ich echt bin. Ich mache niemandem etwas vor, umgekehrt kann man mich nicht verarschen. Ich bin ziemlich abgeklärt.

Sehnen sich die Models vielleicht danach, so zu sein wie du?
Womöglich. Diese ganze Branche ist extrem kontrolliert und auf den Körper fokussiert. Insofern ist es für Models wahrscheinlich erfrischend, jemanden wie mich kennenzulernen, der sagt: „Hey, ist doch scheißegal mit den Kalorien, lasst uns einfach Spaß haben.“

Wie sehr achtest du darauf, was du isst?
Viel mehr, als die Leute denken. Nur weil ich fett bin, muss ich mich ja nicht scheiße ernähren. Ich versuche, mich von Zucker fernzuhalten, denn der ist einfach nicht gut.

Du bist seit zwei Jahren mit deiner Freundin Kristin zusammen, die zugleich deine Assistentin ist. Wollt ihr Kinder haben?
Ja, gerne. Ich kann es kaum abwarten und denke, 37 wird ein gutes Alter dafür sein. Ein paar meiner Freundinnen sind jetzt mit 40, 41 Mutter geworden. Das ist mir ein Tick zu spät.

Bei welchen Männern könntest du schwach werden?
Ich habe eine Schwäche für Rapper. Lil Wayne zum Beispiel, den finde ich geil. So geil, wie ich einen Kerl halt finden kann.

Könnte er deine sexuelle Präferenz ins Wanken bringen?
Sex kann ich mir mit Lil Wayne dann doch nicht vorstellen. Mit welchem Mann würde ich schlafen wollen? Lass mich überlegen … Pharrell Williams. Das ist der entspannteste Mann, den ich je gesehen habe. Ich glaube, der nimmt sich wirklich Zeit, um einen so

richtig schön zu verwöhnen.

Hast du dich mit deiner Rolle als Homo-Ikone gleich angefreundet oder hat das gedauert?
Ich fühle mich etwas gehemmt in dieser Funktion, was bei mir wirklich nicht oft vorkommt. Insgesamt fange ich an, diese Vorbildsache ein bisschen ernster zu nehmen. Die Qualität meines Lebens ist so viel höher, weil in der Generation vor mir die Homoaktivistinnen und die Feministinnen sich den Arsch aufgerissen haben, damit es vorwärts geht. Jede Generation hat es leichter, und für mich war es nie ein Drama, lesbisch zu sein, für meine Familie auch nicht. Für die nächste Generation soll es noch selbstverständlicher sein. Niemand soll sich mehr verstecken müssen.

Kommen wir auf Musik zu sprechen. Das Produzententeam deines neuen Albums A Joyful Noise wurde berühmt durch „Believe“ von Cher und mehrere Hits für Kylie Minogue. Gossip kommen aus der Punkszene, der Produzent des vorherigen Albums war Rick Rubin. Hast du keine Angst, jetzt zu sehr in der Pop-Ecke zu stehen?
Kein bisschen. Pop ist geil. Madonna ist meine Lieblingssängerin, Adele ist auch toll. Wir waren noch nie eine Band mit Berührungsängsten.

Ihr habt euer Album in einem 600 Jahre alten Landhaus in der englischen Grafschaft Kent aufgenommen. Wie hat es dir dort gefallen?
Es war unheimlich. In dem Anwesen soll einst Alice im Wunderland gelebt haben.

Das ist doch bloß eine Romanfigur.
Es gab dort eine Alice Lidell, sie soll die Inspiration des Autors Lewis Carroll gewesen sein. Angeblich lebt ihr Geist bis heute in diesen Gemäuern.

Und? War der Geist noch da?
Ich weiß es nicht, denn ich habe dort im Gegensatz zu meinen beiden Kollegen nicht genächtigt. Mir war das alles zu verhext. Ich bin alles andere als eine ängstliche Person, aber vor Geistern fürchte ich mich abgrundtief.

Facts: Gossip

Band: Beth Ditto (Gesang), Hannah Billie (Schlagzeug), Nathan Howdeshell (Gitarre)
Biografie
: Das 2009er Album Music for Men und der Hit „Heavy Cross“ (hielt sich zwei Jahre in den deutschen Single-Top-100) machten Gossip zu Weltstars. Dabei existierte die Band aus Olympia, USA, zu diesem Zeitpunkt schon zehn Jahre und hatte drei Alben veröffentlicht. Ihre musikalischen Wurzeln liegen im Queerpunk. Am 8. Mai gaben Beth & Co. ein Release- Konzert im Berliner Berghain, im Juni folgen Auftritte bei Rock am Ring und Rock im Park.
Website: www.gossipyouth.com

Meine Gitarre, ein Hocker und ein Mikro

Jay Brannan (Foto Christine Merson)

Jay Brannan (Foto Christine Merson)

Jay Brannan hatte seit neun Jahren keinen Freund.  Ist das für den Shortbus-Star ein Grund, melancholisch zu werden? Nein. Denn das war er auch schon vorher – und zwar aus voller Überzeugung. Jay Brannan kommt ist mit seinem neuen Album Rob me blind auf Deutschland-Tour. Da tauscht der schwule Songpoet seine Schüchternheit gegen Bühnenpräsenz ein. Im MÄNNER-Interview macht er sich schon mal locker

Interview: Christian Lütjens

Was war deine letzte Schwulenparty, welchen Drink hast du dort bestellt und was sagt beides über deine Persönlichkeit aus?

Hmm … Ich gehe ziemlich selten aus. Aber mein Kumpel John Cameron Mitchell (Regisseur von Shortbus, Anm. d. Red.) ist DJ bei der New Yorker Monatsparty „Mattachine“. Dort gehe ich manchmal hin, um Freunde zu treffen, die mir sonst nirgendwo über den Weg laufen. Ich bestelle in der Regel Wasser, weil ich keinen Alkohol trinke. Was das über meine Persönlichkeit aussagt…? Wahrscheinlich, dass ich es sicher und vertraut mag.

Dein neues Album klingt sehr melancholisch. Bist du glücklich?

Mit dem Wort würde ich mich selbst sicher nicht beschreiben. Ich bin nicht mal sicher, was „glücklich sein“ bedeutet. Glück ist dieser Zustand dauerhafter Zufriedenheit, in dem alles immer glatt läuft. Also ganz offensichtlich ein unerreichbares Ziel. Trotzdem geben einem viele Leute das Gefühl, dass es etwas Schlechtes ist, wenn man nicht „glücklich“ ist. Das halte ich für nicht gesund, denn das Leben ist nun mal kompliziert und schmerzhaft. Ich finde, es ist wichtig, dass wir lernen, die dunklen Seiten unserer Persönlichkeit wertzuschätzen, auch wenn sie gesellschaftlich
weniger akzeptiert sind. Für mich ist das ein Antrieb, Musik zu machen. Dabei enthülle ich meine dunklen Seiten, muss also nicht mehr alleine mit ihnen klarkommen. Offenbar können sich damit viele identifizieren.

Du lebst in New York. Kommt man dem Glück dort näher als anderswo oder ist es umgekehrt?

Ich bin seit acht Jahren in New York City und habe dort viele Phasen durchlaufen. Es ist eine tolle Stadt, wo gerade die Entfaltungsmöglichkeiten für Künstler und alternative Lebensentwürfe größer sind als irgendwo sonst. Andererseits ist es teuer, kostet vielKraft dort zu leben, und wenn man nicht ohne Ende Geld hat, ist der Raum, den man für sich selbst hat, begrenzt. Die Vorstädter und die Gentrifizierung haben die meisten Bezirke sehr verändert. Trotzdem: Wenn man
einmal dort gelebt hat, fällt es schwer, sich vorzustellen, woanders hinzugehen.

Wo lernst du deine Lover kennen?

Ich hatte seit neun Jahren keine Beziehung, also weiß ich nicht, ob das, was ich jetzt erzähle, in die Kategorie „Lover“ passt, aber kennengelernt habe ich die Person übers Internet. Für mich sowieso der einzige Weg, Leute zu treffen. Letztendlich gibt es dafür doch nur das Internet, Bars oder die Arbeit. Ich gehe nie in Bars und arbeite selbstständig
von zu Hause aus oder reise durch die Gegend … Bleibt also nur das Internet.

Welche der folgenden Fahnen würdest du dir an die Wand hängen? US-Flagge, Regenbogenflagge, Friedensflagge?

Ich würde mir überhaupt keine Flagge an die Wand hängen. Ich finde Individualität viel interessanter, als mich über Symbole zu identifizieren, die Gruppen von Menschen in grobe Kategorien einteilen. In manchen Zusammenhängen sind Symbole notwendig, aber nicht für meine Wand.

Das CD-Cover von Rob Me Blind illustriert den Titel, indem es dich mit gefesselten Händen und Füßen zeigt …

Genau. Rob Me Blind ist gleichzeitig auch der Titel meines persönlichen Lieblingslieds auf der Platte. Darin dreht sich alles um die vordergründig negativ besetzte Zeile „Rob Me Blind“, die ja bedeutet, dass dir jemand alles wegnimmt, was du hast. Im Kontext des Songs ist das aber genau das, was ich von einer geliebten Person verlange. Ich mag es, Klischees in dieser Form zu brechen und fand es lustig, den Titel mit einem Cover zu spiegeln, auf dem ich ausgeraubt am Boden sitze, aber gar nicht versuche, mich zu befreien.

Der Text zur Single „Beautifully“ erzählt eine sehr anrührende Geschichte über ein unglücklich verliebtes Mädchen. Fiktion oder eigene Erfahrung?
Der Text repräsentiert schon mich selber. In der Situation, mich in jemanden zu verlieben, der entweder nicht interessiert ist oder die Gefühle nicht erwidert, finde ich mich häufig wieder. Ich wollte darüber einen erzählenden
„Er sagte/sie sagte“-Text schreiben, wie ihn viele Countrysongs verwenden. Wenn man aber schreibt „Er sagte/er sagte“, bringt man ständig die Figuren durcheinander, also habe ich den Song aus der Perspektive eines Mädchens
geschrieben. Mir bedeuten geschlechtsdefinierende Pronomen ohnehin nicht viel. Im Grunde sind soch alle Menschen gleich.

In „The Spanglish Song“ singst du Spanisch. Wo hast du die Sprache gelernt?

Ehrlich gesagt, kann ich fast kein Spanisch. Aber ich stamme aus Texas, bin also an der Grenze zu Mexiko aufgewachsen und habe ein paar Grundlagen mitbekommen. Die Inspiration für den Song war allerdings ein Aufenthalt in Madrid, wo ich 2010 einen Monat verbracht habe. Da meine Kenntnisse für einen kompletten Text nicht ausreichten, ist
in dem Song aber nur der Refrain Spanisch.

Du hast Video Games gecovert und in deinem Blog eine Message an Lana Del Rey gepostet. Hat sie sich gemeldet?

Nein, aber ihre Plattenfirma folgt mir seitdem auf Twitter. Ich weiß auch gar nicht, worüber ich mit Lana reden sollte. Ich würde sie einfach in ein 50er-Jahre-Diner schleppen und Schoko-Milchshakes und Pommes bestellen.

Bekannt geworden bist du 2006 durch deinen Auftritt in Shortbus. Welches Verhältnis hast du heute zu dem Film?

Ich war vor ein paar Wochen bei John, dem Regisseur, zu Besuch, der gerade eine Kopie der deutschen Blue-Ray-Fassung runtergeladen hatte. Dort habe ich seit langer Zeit mal wieder ein paar Ausschnitte geguckt. Da kamen viele Erinnerungen hoch. Die Dreharbeiten waren ein langwieriger, sehr persönlicher Prozess und haben einen Riesenspaß
gemacht. Den Film heute zu gucken, fühlt sich an, als würde ich ein Highschool-Jahrbuch durchblättern. Mit dem Unterschied, dass Shortbus im Gegensatz zur Highschool nur positive Erinnerungen zutage fördert.

Du bist im Mai auf Tour durch Deutschland. Was ist das Konzept für die Shows?

Es werden Solo-Akustikkonzerte. In Deutschland ist noch meine gute Freundin Bitch als Support Act dabei. Die war mit ihrer Band Bitch and Animal auch in Shortbus zu sehen. Die meiste Zeit sind aber nur ich, meine Gitarre, ein Hocker und ein Mikro auf der Bühne. Ich mag solche Akustik-Shows. Sie sind intim und lenken den Fokus auf Text und Stimme. Irgendwann würde ich gern mit Streichern touren, aber bisher bin ich nicht bereit, mich dafür bis über beide Ohren zu verschulden.

Facts: Jay Brannan
Geboren: 29. März 1982, Houston/Texas, USA
BioGrafie: Jays Eltern wollten bei seiner Geburt ein Mädchen. „In vielerlei Hinsicht bekamen sie, was sie wollten“, sagt er, räumt aber ein, dass sein Outing familiäre Kontroversen auslöste. Nach Stationen in Cincinatti und Kalifornien kam er 2002 nach New York, wo John Cameron Mitchell ihn als Ceth in Shortbus besetzte. Eine weitere Filmrolle folgte in Holding Trevor, danach wandte Jay sich ganz der Musik zu. Rob Me Blind ist seine dritte LP.

Deutschland-Tour: 20. bis 26. Mai

Website: www.jaybrannan.com

„Man Bekommt Liebe Nicht Umsonst“

Die letzten Jahre waren turbulent für Rufus Wainwright: Privat gab es neben der Verlobung mit seinem Freund und der Geburt seiner Tochter den Krebstod der Mutter zu verarbeiten. Nun meldet sich Rufus zurück mit dem Album Out of the Game. MÄNNER traf ihn zum Gespräch in London

Interview: Steffen Rüth

Der Dandy unter den Popstars Rufus Wainwright im weißen Anzug an seinem Flügel (Foto Universal Music)

Der Dandy unter den Popstars Rufus Wainwright im weißen Anzug an seinem Flügel (Foto Universal Music)

Rufus, Out of the Game hört sich groß und funkelnd und für deine Verhältnisse erstaunlich massentauglich an. Die Lieder haben so einen zeitlosen Ansatz, zugleich ist auf der Platte ein klarer Pop-Bezug zu hören. Erzähl, was war deine Absicht mit diesem Werk?

Ich wollte alles dafür geben, jetzt endlich mal eine Goldene Schallplatte zu bekommen! Mark Ronson (mein Produzent) und ich, wir haben nicht viel Zeit mit der Platte verbracht. Wir hatten zwei Monate, arbeiteten wie die Irren und konzentrierten uns dabei speziell auf das Gefühl der Songs. Wir wollten darauf achten, dass die Musik anziehend ist, dass sie ein attraktives Grundgefühl schafft. So, dass du dir die Songs anhörst und denkst: ‚Hey, dieser Rufus, das ist schon ein Süßer!‘ (lacht) Herz und Gefühl standen für uns ganz vorn, das Intellektuelle des Musikmachens sollte in den Hintergrund treten. Oder, lass es mich so ausdrücken: Ich hatte Bock darauf, Spaß zu haben!

Was man der Platte anhört.

Insbesondere nach den letzten Jahren mit dem Tod meiner Mutter, dem Songs for Lulu-Album, den Opern, dem Box-Set House of Rufus war ich in einer sehr, sehr intensiven, kopf- und hirngesteuerten Phase meines Daseins. Mein ganzes Leben war ziemlich ernst und schwer, nicht nur die Musik. Der Pop, den wir auf diesem Album machen, ist also so etwas wie ein ausgedehnter Urlaub für mich. Ich denke, das sollte sowieso die Essenz des Pop sein: Spaß gekoppelt mit ein bisschen Traurigkeit. Wenn du mich fragst, sollte wahre Freude immer auch einen Hauch von Trauer beinhalten.

Warum?

Das sind das Yin und das Yang des Lebens, zumindest bei mir. Speziell, wenn du älter wirst und einen Schatz an Erfahrungen anhäufst – wie den Tod, Beziehungen, die Geburt eines Kindes –, erscheint das ganze Bild vor deinen Augen. Und dieses Bild des Lebens ist ein Drama, es beinhaltet jedes nur vorstellbare Gefühl. Ich hoffe, dass ich dieses Bild auch mit meiner Musik abzubilden in der Lage bin. Du weißt ja, ich bin fast 40.

Machst du dir wegen des Älterwerdens Gedanken?

Ich komme ja nicht darum herum. Schon allein, weil die Leute permanent Fotos von mir machen. Ich bin also immer sehr genau über die Schäden informiert. (lacht) Aber es ist ja keine schlechte Sache, älter zu werden. Für Männer ist das sicher auch weit weniger dramatisch als für Frauen, sei es beim Kinderkriegen oder bei der Karriere oder auch dabei, als Objekt der Schönheit angesehen zu werden. Männer sind diesbezüglich weniger vom Alter abhängig. Aber dann dreht sich das irgendwann. Für Männer wird es hart, wenn sie 60 werden. Denn spätestens mit 60 können sie so jugendlich tun, wie sie wollen, es nimmt ihnen niemand mehr ab.

Du hast Out of the Game gemeinsam mit Mark Ronson produziert. Wann habt ihr eure Zusammenarbeit beschlossen – bevor oder nachdem du die neuen Lieder geschrieben hattest?

Wir kennen uns beide schon seit Jahren und haben immer wieder mal gesagt, dass wir unbedingt was zusammen machen wollen. Wir haben auch viele gemeinsame Freunde wie Sean Lennon etwa oder eine Dame namens Barbara Charone, die sowohl seine als auch meine Publizistin ist. Eigentlich war es Barbaras Idee, uns zusammenzubringen. Ich gab ihm dann den Großteil der Songs schon vor über einem Jahr, er konnte sich also lange Zeit Gedanken machen über das Album und das Material. Dann legten wir los und … was soll ich sagen, irgendwie haben wir uns ineinander verliebt.

Im Ernst?

Schon, ja. Er ist verheiratet, ich habe einen Freund. Und doch: Da passierte definitiv etwas tief Romantisches zwischen uns beiden im Studio. So dass vieles von unserem Geflirte und dem sexuellen Knistern in der Musik gelandet ist. Das war also dann unser Ventil.

Verbessert sexuelle Energie die Qualität der Musik?

Davon bin ich überzeugt. Echt, ich fand ihn wahnsinnig heiß und war wirklich ein bisschen verknallt. Ich weiß aber auch, dass es ganz, ganz vielen Menschen so geht. Mark ist irrsinnig niedlich und sehr charmant und gnadenlos stylisch. Beim Singen habe ich also versucht, ihn ein bisschen zu verführen.

Hat er deine Gefühle erwidert?

Ich glaube, er mochte mich auch ganz gern. Wir haben uns wie Liebhaber gefühlt, was auch eine Folge dieser engen Atmosphäre eines Studios ist. Man geht halt wahnsinnig intensiv miteinander um. Ich stelle mir auch immer vor, dass es zwischen den Beatles oder Rolling Stones mehr als nur Freundschaft gegeben habt. Wer weiß, vielleicht hat ja der eine oder andere mal miteinander geschlafen.

Es blieb bei euch beiden aber bei der platonischen Liebe?

Er ist mit einer von Europas schönsten Frauen verheiratet, und ich bin liiert mit einem der attraktivsten Männer der ganzen Welt. Also, ja, der Sex zwischen uns spielt sich nur innerhalb der Musik ab.

Stimmt es, dass du „Welcome to the Ball“ ursprünglich für die Fußball-WMn 2006 geschrieben hast?

Das ist wahr. Dabei interessiert mich Fußball gar nicht so sehr. Das Lied sollte damals in einer Show gespielt werden, die dann nie aufgeführt wurde. Das Stück ist noch vom alten Rufus, dem weniger besorgten, lockereren Rufus. Dem Rufus, der noch nicht versucht hat, radiofreundlich und gefällig zu sein. Ich war insgesamt verrückter damals und lebte das Leben eines jungen Künstlers.

Heute nicht mehr?

Das neue Album habe ich schon bewusst versucht in dem heutigen Musikmarkt unterzubringen. Es sollte nicht schräg klingen. Aber immer noch eigenwillig und durchgeknallt. Ich war eine Weile aus dem Kommerzspiel raus, daher auch der Titel Out of the Game. Ich kann trotzdem immer noch locker überall spielen, auch jederzeit die Carnegie Hall füllen, aber das kann ich in 20 Jahren vielleicht auch noch. Jetzt will ich noch ein bisschen die Aufmerksamkeit genießen, die man als Popstar bekommt – bevor ich zu alt dafür werde.

Mit „Respectable Dive“ und „Song of You“ hast du endlich ein paar Songs für deinen Partner Jörn Weisbrodt aufgenommen.

Ich hatte „Montauk“ geschrieben, das Stück handelt vor allem von meiner Tochter, aber Jörn kommt auch zentral darin vor. Ich sagte zu ihm: „Hier ist der Song.“ Er war nicht zufrieden und sagte: „Nein, Rufus, das ist nicht gut genug. Ich will der Protagonist sein.“ Also war „Song of You“ quasi meine Auftragsarbeit für ihn. Er liebt das Lied.

Ist es besonders schwer, einen Song über seinen Partner zu schreiben?

Das Schwierige daran ist, ehrlich zu bleiben. Ich hätte es mir leicht machen und singen können: „Oh, Jörn, Baby, ich liebe dich, und ich werde niemals einen anderen wollen, und die Sonne scheint immer auf uns zwei!“ Dann wäre es plump gewesen. Zumal eine Beziehung, auch unsere, kein ständiges Zuckerschlecken ist. Darum geht es in dem „Song of You“. Es ist ein schönes Lied, aber es malt ein realistisches Bild. So eine Liebe erfordert nämlich viel Arbeit, auch Kompromisse, man muss präsent sein, aufmerksam, lieb, man muss durch die Luft fliegen und den Schatz immer wieder finden.

Wie lange seid ihr schon zusammen?

Sieben Jahre. Es ist wirklich wundervoll. Aber eine Beziehung ist auch nichts anderes als ein Unternehmen, eine Familie oder die Europäische Union – wenn du sie zusammenhalten willst, musst du etwas dafür tun. Man bekommt die Liebe nicht umsonst. Aber am Ende ist sie erfüllend. Wir zwei, Jörn und ich, hatten eine lange, unbeschwerte Zeit, bestimmt zwei Jahre lang war alles nur toll. Dann wurde meine Mutter krank, was mich sehr mitgenommen und dementsprechend auch unser Zusammenleben belastet hat.

Jetzt seid ihr sogar verlobt …

Richtig. Jörn ist mein Verlobter.

Wer hat wen gefragt?

Ich habe um seine Hand angehalten.

Wirst du jetzt bürgerlich?

Oh je. Ich befürworte gleichgeschlechtliche Ehen, ich finde das Konzept interessant, auf der anderen Seite bin ich nicht so der Super-Unterstüzter von Hochzeiten als solchen. Ich weiß nicht, ich habe mich mit dem Thema immer schwergetan. Ich selbst bin ein Scheidungskind, ich habe meine Eltern fast nur streitend kennengelernt, und dieses Bindungsversprechen einer Ehe … also damit habe ich auch meine Probleme gehabt. Was ist, wenn ich morgen einen geilen Typen sehe, mit dem ich Quatsch machen will?

Dann hältst du dich zurück?

Genau. Das ist die Realität. Und sie ist in Ordnung. Ich hatte das Gefühl, dass ich dieses Jörn-und-Rufus-Ding fixieren, offiziell machen wollte und sollte. Speziell, seit ich das Kind habe und Jörn zwar kein offizielles Elternteil ist, aber doch viel Zeit mit meiner Tochter verbringen wird, fand ich das wichtig. Er ist ja biologisch nicht mit dem Kind verbunden, deshalb wollte ich seine Position stärken. Und am Ende ist eine Ehe doch immer zugunsten der Kinder, oder? Jaja, die romantischen Ideen, die Treue, das ist schon auch ein Motiv, aber letztlich geht es darum, stabile Strukturen für die Kinder zu schaffen.

Freust du dich auf die Hochzeit?

Auf jeden Fall. Ich bin aufgeregt. Das wird bestimmt Spaß machen. Dennoch ist die Ehe für mich eher eine rechtliche Sache als jetzt die Verwirklichung irgendwelcher Märchenbuchphantasien.

Weißt du schon, wo und wie ihr heiratet werdet?

Wir machen das im Sommer. Mehr möchte ich noch nicht verraten.

Das Cover von "Out of the Game"

Das Cover von "Out of the Game"

Ohnehin spielt deine Familie eine große Rolle auf dem Album. „Candles“ ist ein Song über den Abschied von deiner Mutter, es gibt Lieder über Jörn und ein Lied über deine Tochter Viva Katherine.

Das ist immer so bei mir. Überhaupt ist es eine Tradition in unserer Familie, dass die Mitglieder ihre Gefühle durch Songs ausdrücken. Diese Tradition führe ich fort.

„Candles“ basiert auf einer wahren Geschichte, oder?

Ja. Unsere Mutter war gerade gestorben, und ich ging in drei verschiedene Kirchen, denen allesamt die Kerzen ausgegangen waren. Ich deutete das als spirituelle Botschaft, dass es ihr gut geht und dass ich mich guten Gewissens wieder um mein eigenes Leben kümmern könne. Den Song werde ich auf Tour wahrscheinlich a cappella präsentieren.

Tod und Leben sind speziell in deinem Fall eng verbunden. Wie habt ihr den ersten Geburtstag von Viva Katherine im Februar gefeiert?

Die Mutter meiner Tochter, Lorca Cohen, lebt in Los Angeles. Wir waren alle dort und haben im Hotel Chateau Marmont gefeiert, diesem berühmten Hollywood-Hotel. Sehr luxuriös und voller Glamour war die Party. Es gab keine Ponys und Clowns.

Wann hast du beschlossen, Vater zu werden?

Das war eigentlich gar kein aktiver Entschluss von mir. Meine Freundin Lorca, die ich seit vielen vielen Jahren kenne, hat mich gebeten, der Vater ihres Kindes zu sein. Also tat ich, was sie sagte. Außerdem fragte ich meine Mutter, die zu der Zeit schon sehr krank war, was sie von der Idee hielt. Sie sagte: „Gar keine Frage, du musst das tun.“ Tja, ich komme aus einer matriarchalischen Familie, ich mache immer das, was die Mädchen sagen. Zum Glück habe ich eine Tochter bekommen, sie wird die Tradition fortsetzen, mir Vorschriften zu machen. (lacht)

Siehst du deine Tochter oft?

Immer, wenn es möglich ist. Nicht so viel, wie ich gern möchte.

Hat dich das Vaterwerden reifer gemacht?

Yeah! Wobei ich zuvor schon nicht mehr besonders unreif war. Ich kann auf jeden Fall sagen, dass ich mich nie vor den großen Entscheidungen des Lebens gedrückt habe: Das Kind, die Verlobung, die Oper, die ich geschrieben habe, der Entschluss, mit den Drogen aufzuhören und in den Enzug zu gehen – das waren alles Dinge, die ich durchgezogen habe. Ich finde es unheimlich aufregend, alles auszuprobieren, was das Leben mir bietet. Ich feiere mit großer Hingabe den Karneval, der sich mein Leben nennt. Es ist dramatisch, und ich liebe dieses Drama jeden Tag.

Der Countdown läuft #6

Es sind noch 37 Tage bis zum Finale des Eurovision Song Contest 2012 in Baku. Und es bewerben sich 42 musikalische Acts um den Sieg beim 57. ESC. Damit alle genau wissen, was da auf sie zukommt gibt’s jetzt jeden Tag bis zum 26. Mai einen möglichen Gewinner auf m-maenner.de. Heute: Nina Badric aus Kroatien

Und schöne Sachen mit Polstermöbeln kann sie auch die Nina Badric aus Kroatien

Und schöne Sachen mit Polstermöbeln kann sie auch die Nina Badric aus Kroatien

Die gute Frau Badric hat gleich mehrere Gewinnchancen: Erstens wenn sie die Männer aus ihrem Video genauso leicht bekleidet über die größe Bakuer Bühne hüpfen lässt: sicherer Hingucker für die eine Sorte Jungs. Für die andere Sorte wedelt sie dann schön mit dem Dekolleté. Dabei muss sie weder das eine noch das andere wirklich tun, denn “Nebo” (“Himmel”) ist eine so hinreißende Ballade, dass wir sie normalerweise von dicken Frauen aus Malta erwarten würden. Aber so ist auch schön. (pasch)

Der Countdown läuft #4

Es sind noch 39 Tage bis zum Finale des Eurovision Song Contest 2012 in Baku. Und es bewerben sich 42 musikalische Acts um den Sieg beim 57. ESC. Damit alle genau wissen, was da auf sie zukommt gibt’s jetzt jeden Tag bis zum 26. Mai einen möglichen Gewinner auf m-maenner.de. Heute: Kurt Calleja aus Malta

Der smarte Kurt Calleja

Der smarte Kurt Calleja

“Der kleine Kurt aus Malta möchte bitte in der Rollerdisco abgeholt werden.” Warum dieses ja nicht unfröhlich vor sich hin wummernde Stampftrallala von einigen Leuten, die dem ESC emotional näher stehen als wir, zu den Mitfavoriten gezählt wird, muss man uns nochmal erklären. Zumal “This is the night” fieser ist, als es sich beim ersten “Yeah, Yeah” anhört und Herr Calleja sich hier live ordentlich versingen kann und auch wird. Wir freuen uns trotzdem drauf. Er hüpft ja sehr niedlich. (pasch)





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